Sonntag, 24. mai 2009
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18:21
Heiß wie im hochsommer. Schon das verhindert daß ich in arbeitsstimmung gerate. Die euphorie der letzten jahre bleibt aus.
Es ist einfach zu viel vorgegangen in den letzten monaten. Ich bin nicht mehr am selben ort an dem ich noch vor zwei jahren in meinem kopf dahingedümpelt bin. Es ist schön hier. Keine frage.
Aber es ist auch ruhig hier.
Fast totengräberstill.
Als ich das letzte mal auf der terrasse des collegienhauses saß gab es noch keine wirtschaftskrise. Es gab noch nicht die möglichkeit zu denken daß alle kapitalistische ökonomie zu ende gehen
könnte.
Und natürlich ist wiedereinmal der untergang der menschheit ausgeblieben.
Wie sooft in den letzten jahren und jahrzehnten. Der untergang wird sich nicht ankündigen. Hat sich noch nie angekündigt. Ausrufen werden wir ihn nicht. Er wird un sim schlaf überraschen. So wie er
die menschen in hiroshima 1945 beinahe im schlaf überrascht hat.
Eines geht mir seit monaten nicht mehr aus dem kopf. Vielleicht bleibt deshalb die euphorie diesmal aus. Weil mir in diesem frühling eine erkenntnis von günther anders ganz klar geworden ist: der
Mensch ist weltfremd. Diese konstante des menschen daß er niemals teil der welt sein kann weil er selbst ein stück welt ist kann durch keine aufregung in der tagespolitik aufgehoben und verkleinert
werden.
Der mensch ist der welt gegenüber fremd.
Er muß sich die welt aneignen. Immer und immer wieder. Nur so kann es ihm gelingen ein stück weit selbst welt zu schaffen. Nur so ist sein wachstumsglaube seine sucht nach immer noch mehr produkten
noch mehr konsum noch mehr expansion erklärbar. Dieser wachstumsglaube schließlich hat ja unsere krise ausgelöst.
Wir haben keine finanzkrise.
Wir haben eine wachstumskrise.
Und hier in marbach wo alles auf puppenhafte art klein ist wird mir diese weltfremdheit immer wieder bewußt. Marbach. Das ist ein stück fremde welt. Weiter weg als jede argentinische pampa.
Ich werde diese tage genießen.
Die stille.
Die einsamkeit.
Die Abwesenheit von Wachstum.
Literaturarchive wachsen zwar auch aber langsam. Beständig. Unaufhörlich. Doch meines erachtens zeugen sie keine krisen. Sie zeugen nur von der wahrheit der these des günther anders daß der mensch
weltfremd sei.
Literatur versucht nichts anderes als gegen diese einfache menschliche unzulänglichkeit anzugehen. Literatur ist der versuch sich die welt anzueignen. Immer wieder aufs neue. Denn nur wenn der
schriftsteller sich die welt angeeignet hat ist er ein stück weit ein teil von ihr geworden.
Das ist das schöne an marbach.
Kafka und all die anderen weltfremden menschen sind mir hier ganz nahe.
Hier kann ich mir ihre welt aneignen.
Diesmal in aller ruhe.
von Raimund Bahr
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veröffentlicht in: Reisejournal
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