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Ich danke für euer verständnis.
Wir sind alle schon tot, nur wir wissen es noch nicht.
Herbert Zands Buch „letzte Ausfahrt“ kreist vor allem um die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten bietet der Krieg einem Menschen an, um der ausweglosen Situation, in die er geraten ist, zu entkommen.
Die Kommandokette
Im Krieg schränkt zu allererst eine lückenlose Kommandokette die Entscheidungen des Soldaten ein, die aber in Herbert Zands Augen nichts weiter ist, als Terror. Auch wenn dieser Terror das soziale Gefüge zusammenhält. Solidarität, wenn sie denn doch einmal möglich wird, gilt als heldenhaftes Verhalten, kostet dem Solidarischen aber zumeist das Leben. Jede Kategorie, die im zivilen Leben von Bedeutung war, begann sich im Krieg aufzulösen, egal auf welcher Seite und für welches Ziel gekämpft wird.
Zu dieser Ausweglosigkeit in der einzelnen Situation scheint der Krieg auch kein Ende zu nehmen. Obwohl wir alle wissen, daß Kriege nicht zu gewinnen sind, ein Sieg immer nur ein Übergang zu einem neuen Krieg darstellt, führen wir noch immer Kriege. Es herrscht der ewige Krieg. In der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts und auch des beginnenden 21. Jahrhunderts ist der „Friede immer geschieden“ wie Günther Anders schreibt. Kriege müßten längst der Vergangenheit angehören und dennoch gehen sie munter weiter. Das ist die absurde, existentielle Situation, in der sich die aufgeklärte Gesellschaft befindet und dieser Widerspruch wurde auch nie beseitigt.
Das Individuum
Und der Einzelne ist dieser Situation in einer vollständig individualisierten Gesellschaft ausgeliefert. Samuel Beckett schrieb in seinem Endspiel: „Ende. Es geht zu Ende. Es geht vielleicht zu Ende.“ Im existentiellen Sinne geht der gesellschaftliche Wahnsinn nach dem Tod des Einzelnen weiter und der Wahnsinn besteht ja auch darin, daß er nicht weiß, ob er jemals enden wird. Der Mensch wünscht sich zwar das Ende herbei, aber hartnäckig muß er jeden Tag, jede Stunde und jede Minute weitermachen, will er nicht als fahnenflüchtig gelten. Ein Mensch, der auf das Kollektiv hin lebt, kann sich aber auch nicht selbst umbringen, denn mit dem individuellen Tod, endet ja nur die eigene ausweglose Existenz. Die anderen lassen wir damit ja in ihrem Kessel zurück. Der Solidarische hat gar nicht die Möglichkeit sich umzubringen, ohen sich neuerlich schuldig zu machen. Insofern geht der Krieg natürlich auch nach dem Tod des Helden weiter. Diese Erfahrung machen wir täglich, stündlich, in jedem Moment unseres Lebens.
Ausfahrt ohne Umkehrmöglichkeit?
Der Hades, der Krieg in Rußland, dem Herbert Zand entkommen ist, wird für ihn zum Sinnbild der ausweglosen Existenz des Menschen an sich. Und das allein deswegen, weil zwei sich anbietende Handlunsgvarianten, die im zivilen Leben normalerweise tauglich sind, um einer Notstandssituation zu entkommen, im Krieg völlig sinnlos geworden sind: Auflehnung und Passivität. Die Auflehnung führt den Krieg weiter, die Passivität verhindert ihn nicht. Eine solche Situation läßt sich letztlich nur dadurch verhindern, daß wir erst gar nicht in sie hineingeraten. Doch ist das überhaupt möglich in einer gänzlich militarisierten Gesellschaft, in der Zivilgesellschaft und Militarismus über die Wirtschaft deratig eng miteinander verwoben sind? Noch dazu in einer Situation wie heute, wo die technologischen Entwicklungen die Möglichkeit eines „sauberen“ Krieges unterstellen?
Günther Anders, der ja zwei Kriege überstanden und sich sein Leben lang mit diesen Fragen beschäftigt hat, kommt am Beginn seiner schriftstellerischen Karriere (1928) ebenfalls zu einer existentialistischen Weltanschauung. Seiner Meinung nach ist der Mensch in seiner Existenz dazu verdammt, permanent alles ausführen zu müssen, was er sich in seiner Vorstellung ausdenken kann. Er ist durch seine Künstlichkeit geprägt und dadurch frei. Doch diese Freiheit entfremdet ihn auch von der Welt, macht ihn weltfremd. Vielleicht gelingt es ihm deswegen auch all diese Zerstörungen anzurichten, dem Menschen all das an Grausamkeiten anzutun, was er sich in seiner Freiheit ausdenken kann. Nicht zum Zwecke der Selbsterhaltung, sondern zum Zwecke der Selbstvernichtung. Selbstbeschränkung ist dem Menschen durch die natürliche Begabung zur Künstlichkeit nicht möglich. Erst die intellektuelle, vernunftgesteuerte Tat kann ihn vor seiner eigenen Produktivität retten. Im Krieg bedeutet seine Produktivität nämlich das Ermnorden von Menschen, in zahllosen Varianten, auf leider nur allzu menschliche Weise.
Entmilitarisierung als letzte Ausfahrt
Der Humanismus, die Aufklärung waren nach einer Periode europäischer Vernichtungsfeldzüge nach Innen wie nach Außen, Versuche, diese Produktivität zu zähmen und endeten im Ersten und Zweiten Weltkrieg in gesellschaftlichen Katastrophen. Die Konsequenz daraus war jedoch nicht, den Krieg ein für allemal zu beenden, sondern ihn nur nicht mehr bei uns stattfinden zu lassen. Wir haben nach dem Krieg nicht konsequent entmilitarisiert, sondern die Militarisierung unter dem Aspekt der Verteidigung betrieben. Wie schnell aber aus einem Verteidigungsministerium ein Kriegsminsiterium oder Heimatschutzministerium werden kann, haben wir auch in den letzten sechzig Jahren oft genug erlebt. Militaristische Systeme lassen sich nur durch die konsequente Abrüstung, den konsequenten Ausstieg aus allen Waffentechnologien erreichen. Das ist meine ganz persönliche Lehre, die ich aus meiner Lektüre von Antikriegsliteratur gezogen habe. Herbert Zand war dabei hilfreich und ein Meilenstein, um zu begreifen, wie grauenvoll und ausweglos uns diese militaristische Gesellschaft machte und auch in Österreich weiterhin macht. Die Existenz erhält nur im Gedanken der Deeskalation, in der Entmilitarisierung einen Sinn, selbst wenn danach noch immer die Ausweglosigkeit des natürlichen Todes steht.
Mit dieser könnte ich leben.
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