Änderungen

Ich bitte alle meine treuen leserinnen und leser um Verständnis dafür daß mein blog umbenannt werden mußte. Mein premiumaccount lief aus und ich habe es übersehen. Der bisherige name hadesblog.com war nicht mehr verfügbar daher kam es zur Änderung.
Ich danke für euer verständnis.
Sonntag, 30. november 2008 7 30 /11 /2008 07:00

Schreiben kann heute nur mehr bedeuten das Kollektiv in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, um dem Individuum ein Stück seiner Freiheit zurückzuerobern, die es durch die Aufklärung bekommen hat. Ich habe Schreiben immer als eine Auseinandersetzung mit dem Menschen, seiner individuellen Erfahrung, seinen individuellen Standorten, innerhalb einer Welt gesehen, die sich in Kollektiven, Institutionen, Gruppen organisiert. Heute tritt das Individuum in einer Welt auf, die selbst zerstückelt ist, in kleine multimediale Häppchen zerfällt und sich nicht mehr als ein einheitliches Ganzes präsentiert. Der Individualisierungsprozeß ist zum Allgemeingut geworden. Das Individuum ist längst zu einem Markenartikel verkommen, zur Trademark und ist beinahe jeder Form von Freiheit beraubt. Das Individuum braucht, um sichtbar zu werden, um seine Freiheit leben zu können, eine Welt, die ihm als Ganzes als Einheit erkennbar gegenübertritt. Fehlt diese Einheit, von der aus das Individuum seinen Standort, seine Individualität behaupten kann, geht all seine Freiheit verloren. Literatur behauptet ja gerade, daß das Individuum sich gegen die Welt, die ihm als Einheit entgegentritt, durchsetzen muß. Das Individuum leidet an der Einsamkeit, am Ausgestoßensein, an der Andersartigkeit. Fehlt dem Autor das einheitliche Ganze, kann er einen Menschen nicht mehr darstellen, dann fehlen ihm die Ankerpunkte, dann kann er nur mehr über ein Phantom schreiben, über Scheinexistenzen.

Einen Roman über das Individuum zu schreiben erscheint mir zusehends aussichtslos. Gedichte, die gingen ja gerade noch. Ein Gedicht ist in gewisser Weise ja auch nur ein Fragment. Am besten wären allerdings Notizen, zu Schrift erstarrte Beobachtungen, die nichts weiter sein wollen, als Fetzen einer Existenz im Individuellen ebenso wie im Gesellschaftlichen. Nichts kann die Zerstückelung besser beschreiben als das Stückwerk. Was mir also als einziges übrigbleibt, ist, alles was ich sehe, was mir begegnet, in kleinen Notizen festzuhalten. Aufschreiben, wenn die Welt auseinanderbricht, wenn die Menschen wie Verrückte durch die Gegend irren und immer wieder an die Grenzen der individualisierten Wirklichkeiten stoßen.

Ich werde als Individuen nur dann überleben, wenn ich mich der fortschreitenden Individualisierung dieser Geselslchaft widersetze. Mein Schreiben muß aber ein Schreiben sein, das nicht in die Falle der menschlichen Eitelkeiten tappt, sondern sich dem Projekt der Aufklärung verpflichtet fühlt.

Kein Individuum ohne Kollektiv.

Keine Literatur ohne Welterfahrung.

Deshalb sollte Literatur das Kollektiv behaupten, um in Widerspruch zur einer Welt zu treten, die ihr als Individualisierunsgprojekt entgegentritt.

von Raimund Bahr - veröffentlicht in: Autorenjournal
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