Änderungen
Ich danke für euer verständnis.
Wir sind alle schon tot, nur wir wissen es noch nicht.
Mit der Familie auf Reisen.
Es ist erschreckend wie die Zerstörung meiner Kindheitswelt voranschreitet. Manche Straßenzüge Wiens sind nicht wieder zu erkennen. Die Physiognomie der Stadt verändert sich. Die Erinnerung verblaßt und läßt sich nur noch schwer abrufen, wenn markante Eckpunkte fehlen. Manchmal fühle ich mich wie ein Emigrant, der nach Jahren in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrt und nichts als Fremdheit vorfindet. Selbst hier im ländlichen Süden der Stadt hat sich das Bild mit einer Geschwindigkeit verändert, die mich manchmal schwindlig werden läßt.
Nicht umsonst gilt das dörfliche Leben als statisch, als konservativ, als bewahrend. In den letzten acht Jahren hat sich in St. Wolfgang nicht viel verändert, vielleicht ein Haus mehr, eine kleine Renovierung hie und da, ein neuer Wegweiser, aber das ganze Berge verschwinden, riesige Türme in Schutt gelegt werden, ist undenkbar.
Die Angst der Wolfganger vor Eingriffen in ihre Landschaft, in ihre Mentalität erscheint vor dem Hintergrund städtischer Veränderungsprozesse absurd. Auch wenn ihnen die möglichen Veränderungen bedrohlich erscheinen, es sind doch nur kosmetische Eingriffe. In der Substanz bleibt alles beim Alten.
Ich bin tatsächlich ein Emigrant.
Sentimentalitäten bewegen mich, wenn es um die Stadt meiner Kindheit geht; Gnadenlosigkeit bei der Betrachtung der Heimat meiner Kinder. Ich bin schnell bei der Sache, wenn ich mich darüber ärgere, warum sich in St. Wolfgang so wenig verändert, die Beharrungskräfte so groß sind, die Bewohner so stolz sind auf ihre gewachsenen Strukturen, die vieles an Entwicklungsmöglichkeiten behindern.
Ich bin aber auch ein städtischer Emigrant, den es ins Dorf verschlagen hat. Nein, es ist noch komplizierter. Ich bin ein städtischer Emigrant, der aus einem dörflich organisierten Gemeindebau in ein echtes Dorf verschlagen wurde.
Ich bin ein Emigrant der nie ein richtiger Stadtmensch war und auch keine Gelegenheit hatte eine ländliche Identität zu entwickeln. Ich bin ein Emigrant der im Nirgendirgendwo, im Weder-Noch lebt, seit Kindertagen an. Gefangen in einem Kosmos, der weder städtisch noch ländlich ist.
Ich mag es nicht, in Hotels zu übernachten. Vor allem die erste Nacht ist immer die schlimmste. Zu der ungewohnten Umgebung kommt die Umstellung in der Lebenszeit hinzu, wenn ich auf Reisen bin. Spätes zu Bett gehen, die Sinnlosigkeit des Einschlafens ohne meine Frau. Am nächsten Tag das Erwachen, durch tausenderlei Nebengeräusche geweckt.
Der Vortei: Ich muß kein Frühstück kochen.
Dann die Terminüberprüfung. Heute vormittag frei, Zeit mein altes Wien zu erkunden. Auf die Suche nach den unveränderten Dingen gehen. Nur für die Gebliebenen scheint es so, als würde sich die Stadt nicht verändern. Für mich hat sie ihr Gesicht verändert. Da sind ganze Straßenzüge verschwunden, auch die Häuser, in denen meine Großeltern gelebt haben, stehen nicht mehr.
Nahcmittags politische Termine, abends Freunde treffen.
Und wieder spät ins Bett.
Ich mag Hotelzimmer nicht. Obwohl dieses ganz okay ist. Sie wirken irgendwie alle gleich absurd, weil sie mir klar machen, daß ich nur auf der Durchreise bin. Nur auf kurze Zeit gestrandet. Aber richtig Gast bin ich auch nicht. Eher ein Kunde, um den das Personal sehr bemüht ist. Alle sind sehr freundlich, aber eben keine Freunde.
Andererseits: im Hotel kann ich für mich allein sein, kann hinaus, muß aber nicht, außer zu den Terminen.
Ich bin auf Reisen doch eher ein Einzelgänger.
Es ist seltsam, wieder in Wien zu sein. Da spürt sich alles so fremd und doch gleichzeitig vertraut an. Die vielen Menschen sind beinahe unerträglich nahe. Jede Straße schient mir vertraut, als hätte ich sie gestern erst durchwandert. Aner trotz aller Nähe und Vertrautheit ist alles gleichzeitig fremd.
Es ist nicht so, als wäre ich in einem anderen Land, in einer anderen Stadt, wo jedes Haus, jeder Straßenzug völlig unbekannt ist. Es ist mehr wie in einem Traum, wo alles vertraut ist, ich aber nicht weiß, was die Ereignisse bedeuten.
Während ich an den großen Palais vorbeigehe, kommt mir das Bild aus meiner Wahlheimat dazwischen, ein Stück See blitzt auf, ein Berg, verschneit und sonnendurchglänzt.
Wann beginnt ein Ort für jemanden Heimat zu bedeuten, jenseits der Menschen, mit denen er dort lebt? Vielleicht jetzt, sieben Jahre nach dem ich aus Wien weggezogen bin. Jetzt da ich mir denke, warum bin ich überhaupt hergekommen.
Beruflich. Genau. Das sollte ich nicht aus den Augen verlieren. Ich habe Vorträg ezu halten. Veranstaltungen zu moderieren. Freunde zu treffen. Es gilt etwas zu erledigen.
Ich bin nicht länger Immigrant im Salzkammergut.
Es sieht so aus, als sei ich angekommen.
Vielleicht regt mich ja deswegen die Situation in St. Wolfgang so auf, weil es jetzt auch meine Situation ist, weil es jetzt auch Teil meines Lebens ist, was sie mit diesem Ort anstellen. Ich bin nicht mehr nur fremd, sondern auch ein Stück weit heimisch. Nicht akzeptiert, nicht anerkannt, vielleicht manchmal ein Fremdkörper, aber wohnhaft und seßhaft.
Wien habe ich hinter mir gelassen.
Nicht immer ist der Ort, an dem wir geboren werden, der Ort an dem wir sterben werden. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte ich die Wahl meinen Geburtsort zu verlassen. Ich wurde nicht vertrieben. Ich mußte nicht flüchten. Damals war es eine emotionale, familiäre Entscheidung, heute bin ich froh, daß ich sie getroffen habe.
Wien hat mir nicht mehr viel zu bieten, jetzt, da ich begriffen habe, daß die Tragik des modernen, aufgeklärten Menschen sich im täglichen Wahnwitz seiner Metropolen spiegelt.
Neueste Kommentare