Änderungen
Ich danke für euer verständnis.
Wir sind alle schon tot, nur wir wissen es noch nicht.
Ich mag es nicht, in Hotels zu übernachten. Vor allem die erste Nacht ist immer die schlimmste. Zu der ungewohnten Umgebung kommt die Umstellung in der Lebenszeit hinzu, wenn ich auf Reisen bin. Spätes zu Bett gehen, die Sinnlosigkeit des Einschlafens ohne meine Frau. Am nächsten Tag das Erwachen, durch tausenderlei Nebengeräusche geweckt.
Der Vortei: Ich muß kein Frühstück kochen.
Dann die Terminüberprüfung. Heute vormittag frei, Zeit mein altes Wien zu erkunden. Auf die Suche nach den unveränderten Dingen gehen. Nur für die Gebliebenen scheint es so, als würde sich die Stadt nicht verändern. Für mich hat sie ihr Gesicht verändert. Da sind ganze Straßenzüge verschwunden, auch die Häuser, in denen meine Großeltern gelebt haben, stehen nicht mehr.
Nahcmittags politische Termine, abends Freunde treffen.
Und wieder spät ins Bett.
Ich mag Hotelzimmer nicht. Obwohl dieses ganz okay ist. Sie wirken irgendwie alle gleich absurd, weil sie mir klar machen, daß ich nur auf der Durchreise bin. Nur auf kurze Zeit gestrandet. Aber richtig Gast bin ich auch nicht. Eher ein Kunde, um den das Personal sehr bemüht ist. Alle sind sehr freundlich, aber eben keine Freunde.
Andererseits: im Hotel kann ich für mich allein sein, kann hinaus, muß aber nicht, außer zu den Terminen.
Ich bin auf Reisen doch eher ein Einzelgänger.
Herbert Zands Buch „letzte Ausfahrt“ kreist vor allem um die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten bietet der Krieg einem Menschen an, um der ausweglosen Situation, in die er geraten ist, zu entkommen.
Die Kommandokette
Im Krieg schränkt zu allererst eine lückenlose Kommandokette die Entscheidungen des Soldaten ein, die aber in Herbert Zands Augen nichts weiter ist, als Terror. Auch wenn dieser Terror das soziale Gefüge zusammenhält. Solidarität, wenn sie denn doch einmal möglich wird, gilt als heldenhaftes Verhalten, kostet dem Solidarischen aber zumeist das Leben. Jede Kategorie, die im zivilen Leben von Bedeutung war, begann sich im Krieg aufzulösen, egal auf welcher Seite und für welches Ziel gekämpft wird.
Zu dieser Ausweglosigkeit in der einzelnen Situation scheint der Krieg auch kein Ende zu nehmen. Obwohl wir alle wissen, daß Kriege nicht zu gewinnen sind, ein Sieg immer nur ein Übergang zu einem neuen Krieg darstellt, führen wir noch immer Kriege. Es herrscht der ewige Krieg. In der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts und auch des beginnenden 21. Jahrhunderts ist der „Friede immer geschieden“ wie Günther Anders schreibt. Kriege müßten längst der Vergangenheit angehören und dennoch gehen sie munter weiter. Das ist die absurde, existentielle Situation, in der sich die aufgeklärte Gesellschaft befindet und dieser Widerspruch wurde auch nie beseitigt.
Das Individuum
Und der Einzelne ist dieser Situation in einer vollständig individualisierten Gesellschaft ausgeliefert. Samuel Beckett schrieb in seinem Endspiel: „Ende. Es geht zu Ende. Es geht vielleicht zu Ende.“ Im existentiellen Sinne geht der gesellschaftliche Wahnsinn nach dem Tod des Einzelnen weiter und der Wahnsinn besteht ja auch darin, daß er nicht weiß, ob er jemals enden wird. Der Mensch wünscht sich zwar das Ende herbei, aber hartnäckig muß er jeden Tag, jede Stunde und jede Minute weitermachen, will er nicht als fahnenflüchtig gelten. Ein Mensch, der auf das Kollektiv hin lebt, kann sich aber auch nicht selbst umbringen, denn mit dem individuellen Tod, endet ja nur die eigene ausweglose Existenz. Die anderen lassen wir damit ja in ihrem Kessel zurück. Der Solidarische hat gar nicht die Möglichkeit sich umzubringen, ohen sich neuerlich schuldig zu machen. Insofern geht der Krieg natürlich auch nach dem Tod des Helden weiter. Diese Erfahrung machen wir täglich, stündlich, in jedem Moment unseres Lebens.
Ausfahrt ohne Umkehrmöglichkeit?
Der Hades, der Krieg in Rußland, dem Herbert Zand entkommen ist, wird für ihn zum Sinnbild der ausweglosen Existenz des Menschen an sich. Und das allein deswegen, weil zwei sich anbietende Handlunsgvarianten, die im zivilen Leben normalerweise tauglich sind, um einer Notstandssituation zu entkommen, im Krieg völlig sinnlos geworden sind: Auflehnung und Passivität. Die Auflehnung führt den Krieg weiter, die Passivität verhindert ihn nicht. Eine solche Situation läßt sich letztlich nur dadurch verhindern, daß wir erst gar nicht in sie hineingeraten. Doch ist das überhaupt möglich in einer gänzlich militarisierten Gesellschaft, in der Zivilgesellschaft und Militarismus über die Wirtschaft deratig eng miteinander verwoben sind? Noch dazu in einer Situation wie heute, wo die technologischen Entwicklungen die Möglichkeit eines „sauberen“ Krieges unterstellen?
Günther Anders, der ja zwei Kriege überstanden und sich sein Leben lang mit diesen Fragen beschäftigt hat, kommt am Beginn seiner schriftstellerischen Karriere (1928) ebenfalls zu einer existentialistischen Weltanschauung. Seiner Meinung nach ist der Mensch in seiner Existenz dazu verdammt, permanent alles ausführen zu müssen, was er sich in seiner Vorstellung ausdenken kann. Er ist durch seine Künstlichkeit geprägt und dadurch frei. Doch diese Freiheit entfremdet ihn auch von der Welt, macht ihn weltfremd. Vielleicht gelingt es ihm deswegen auch all diese Zerstörungen anzurichten, dem Menschen all das an Grausamkeiten anzutun, was er sich in seiner Freiheit ausdenken kann. Nicht zum Zwecke der Selbsterhaltung, sondern zum Zwecke der Selbstvernichtung. Selbstbeschränkung ist dem Menschen durch die natürliche Begabung zur Künstlichkeit nicht möglich. Erst die intellektuelle, vernunftgesteuerte Tat kann ihn vor seiner eigenen Produktivität retten. Im Krieg bedeutet seine Produktivität nämlich das Ermnorden von Menschen, in zahllosen Varianten, auf leider nur allzu menschliche Weise.
Entmilitarisierung als letzte Ausfahrt
Der Humanismus, die Aufklärung waren nach einer Periode europäischer Vernichtungsfeldzüge nach Innen wie nach Außen, Versuche, diese Produktivität zu zähmen und endeten im Ersten und Zweiten Weltkrieg in gesellschaftlichen Katastrophen. Die Konsequenz daraus war jedoch nicht, den Krieg ein für allemal zu beenden, sondern ihn nur nicht mehr bei uns stattfinden zu lassen. Wir haben nach dem Krieg nicht konsequent entmilitarisiert, sondern die Militarisierung unter dem Aspekt der Verteidigung betrieben. Wie schnell aber aus einem Verteidigungsministerium ein Kriegsminsiterium oder Heimatschutzministerium werden kann, haben wir auch in den letzten sechzig Jahren oft genug erlebt. Militaristische Systeme lassen sich nur durch die konsequente Abrüstung, den konsequenten Ausstieg aus allen Waffentechnologien erreichen. Das ist meine ganz persönliche Lehre, die ich aus meiner Lektüre von Antikriegsliteratur gezogen habe. Herbert Zand war dabei hilfreich und ein Meilenstein, um zu begreifen, wie grauenvoll und ausweglos uns diese militaristische Gesellschaft machte und auch in Österreich weiterhin macht. Die Existenz erhält nur im Gedanken der Deeskalation, in der Entmilitarisierung einen Sinn, selbst wenn danach noch immer die Ausweglosigkeit des natürlichen Todes steht.
Mit dieser könnte ich leben.
Es ist seltsam, wieder in Wien zu sein. Da spürt sich alles so fremd und doch gleichzeitig vertraut an. Die vielen Menschen sind beinahe unerträglich nahe. Jede Straße schient mir vertraut, als hätte ich sie gestern erst durchwandert. Aner trotz aller Nähe und Vertrautheit ist alles gleichzeitig fremd.
Es ist nicht so, als wäre ich in einem anderen Land, in einer anderen Stadt, wo jedes Haus, jeder Straßenzug völlig unbekannt ist. Es ist mehr wie in einem Traum, wo alles vertraut ist, ich aber nicht weiß, was die Ereignisse bedeuten.
Während ich an den großen Palais vorbeigehe, kommt mir das Bild aus meiner Wahlheimat dazwischen, ein Stück See blitzt auf, ein Berg, verschneit und sonnendurchglänzt.
Wann beginnt ein Ort für jemanden Heimat zu bedeuten, jenseits der Menschen, mit denen er dort lebt? Vielleicht jetzt, sieben Jahre nach dem ich aus Wien weggezogen bin. Jetzt da ich mir denke, warum bin ich überhaupt hergekommen.
Beruflich. Genau. Das sollte ich nicht aus den Augen verlieren. Ich habe Vorträg ezu halten. Veranstaltungen zu moderieren. Freunde zu treffen. Es gilt etwas zu erledigen.
Ich bin nicht länger Immigrant im Salzkammergut.
Es sieht so aus, als sei ich angekommen.
Vielleicht regt mich ja deswegen die Situation in St. Wolfgang so auf, weil es jetzt auch meine Situation ist, weil es jetzt auch Teil meines Lebens ist, was sie mit diesem Ort anstellen. Ich bin nicht mehr nur fremd, sondern auch ein Stück weit heimisch. Nicht akzeptiert, nicht anerkannt, vielleicht manchmal ein Fremdkörper, aber wohnhaft und seßhaft.
Wien habe ich hinter mir gelassen.
Nicht immer ist der Ort, an dem wir geboren werden, der Ort an dem wir sterben werden. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte ich die Wahl meinen Geburtsort zu verlassen. Ich wurde nicht vertrieben. Ich mußte nicht flüchten. Damals war es eine emotionale, familiäre Entscheidung, heute bin ich froh, daß ich sie getroffen habe.
Wien hat mir nicht mehr viel zu bieten, jetzt, da ich begriffen habe, daß die Tragik des modernen, aufgeklärten Menschen sich im täglichen Wahnwitz seiner Metropolen spiegelt.
Sollte seit zwei Wochen mit zwei Manuskripten durch sein. Das Lesen fällt mir im Moment schwer. Nicht, weil ich die Texte schlecht finde, sondern weil mich eine gewiße Leseerschöpfung erfaßt hat. Nicht weil mich das Leben als Kleinverleger erschöpfen würde oder das des Autors oder das des politisch aktiven Menschen oder des Familienvaters oder des Wissenschafters oder des Bloggers.
Manchmal habe ich Sehnsucht nach den schönen Zeiten, als es den Menschen noch erlaubt war, einer Arbeit nachzugehen. Das waren noch schöne Zeiten, als die Menschen es sich noch leisten konnten, nur einen Beruf zu erlernen und den ihr Leben lang auszuüben. Ihn nur wechseln zu müssen, wenn sie selbst das wollten.
Heute ist mir das nicht mehr vergönnt.
Die ökonomischen Zwänge, auch der Wunsch eine Familie zu gründen, eine zu haben und sie weiterhin mit all dem Nötigen und Unnötigen Kram der Dienstleistungs- und Werbegesellschaft zu versorgen, macht es notwendig, mehrere Berufsprofile zu entwickeln.
Daraus ergibt sich manchmal eine tiefe Erschöpfung, die mich als Kleinverleger heimsucht. Die Erschöpfung, die aus der immerwährenden Suche nach neuen ökonomischen Quellen resultiert, um all die Bedürfnisse der am Verlag hängenden Personen zu befriedigen. Die Möglichkeiten hinken leider immer hinter den Notwendigkeiten her.
Im Hades der Realwirtschaft, des realen Kapitalismus bleibt uns allen gar nichts anderes mehr übrig, als uns jedes Jahr neu zu erfinden. Und es werden immer mehr Menschen, die diesem Zwang unterworfen sind.
Ich gelobe Besserung, sobald ich wieder fit bin.
Ich werde mich wieder leidenschaftlich in die Manuskripte meiner Autoren und Autorinnen vertiefen, wenn ich in der Lage bin, zu erfassen, was sie mir mitteilen wollen. Ansonsten kann es ja auch passieren, daß ich was übersehe, was vielleicht ein Recht hätte, zwischen zwei Buchdeckel gedruckt zu werden.
Der erste und für mich ausschlaggebende Grund ist, daß ich mich in ihr heimisch fühle. Es ist die Schrift meiner Eltern, die Schrift meiner Kindheit, die Schrift mit der ich mir aus Büchern die Welt aneignete.
Zum zweiten sehr ich keinen Nutzen darin, ein neues Schriftbild zu lernen. In mühevoller Kleinarbeit habe ich mir die „alte“ Schrift angeeignet, sie mir in zahllosen Sommernachmittagen von meiner kostbaren Kinderzeit abgerungen, ihre Regeln, ihre Logik.
Zum dritten scheint es mir nicht einleuchtend, daß die neuen Regeln das Schreiben von Texten vereinfacht hätte. Mag sein, daß die Kinder von heute und die der Zukunft die „neue“ Rechtschreibung leichter erlernen werden. Für sie wird die alte fremd sein, denn sie werden heimisch sein in der neuen.
Ich denke, neu oder alt, es bleibt sich gleich. Die rechte Schreibe zu lernen, ist immer schwierig, egal wie einfach es sich die Schriftgelehrten die Sache auch immer vorstellen.
Ein weiterer Grund warum ich bei den alten Regeln bleibe, ist mein eigenes Alter. Ich bin alt geworden, unflexibel und konservativ. Was nicht heißt, daß ich mich nach der guten alten Zeit sehne, sondern daß ich für mich keinen Sinn erkennen kann, warum ich eine neues Regelsystem lernen sollte. Das wäre ja fast so, als würden die Menschen von mir verlangen, nicht länger den Regeln des Kapitalismus zu befolgen.
Vielleicht würde ich mich aufraffen, neu zu schreiben, wenn eine echte Revolution hereinbrechen würde, eine Schriftenlehre, die die Regeln freigibt, die der Anarchie frönt und dem persönlichen Sprachmelodien folge leistet, die der Normierung entgegenarbeitet und dem literarischen, dem künstlersichen Schreiben mehr Raum läßt.
Doch davon sind wir weit entfernt.
Mag sein, daß dieses reaktionäre Verhalten meine Texte nie zur Schullektüre machen wird, weil ich mich nicht an die neue Zeit anzupassen bereit bin – aber das wäre ohnehin nie geschehen, da mir dafür ja das notwendige Maß an Bekanntheit fehlt. Das ich diese Berühmtheit nicht erreichen werde, liegt sicher nicht an meinem Beharren auf der alten Schreibe, sondern an den Marktmechanismen. Und der Markt braucht mich nicht, so wie viel andere auch. Eine Recyclingkultur, eine Reprintkultur braucht immer weniger Originale – noch dazu wenn sie wenig originell sind.
Kurz: Egal ob ich die alte oder die neue Rechtschreibung verwende, beides bringt mich nicht in die literarische Mitte der Gesellschaft, denn Literatur hat etwas mit Kunst zu tun und Weltvermittlungsprozessen und nicht mit dem Recht zu schreiben (außer vielleicht in Diktaturen, dort ist es aber eine politische Frage), dem rechten Schreiben oder irgendeiner Rechtschreibung. Zerlege ich das Wort bleibt ohnehin nur Recht und Schreibung über. Genausogut kann ich sagen, ich schreibe Recht, wenn ich recht schreibe.
Was richtig und was falsch geschrieben ist, bestimmen letztlich ohnehin die Schriftgelehrten, die Lektoren, Korrektoren und Germanisten und auf die habe ich keinen Einfluß. Also nehme ich mir das Recht heraus, alt zu schreiben und unendeckt zu bleiben.
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